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Kaffee, Können und Karriere – Wie der Traum vom Schreiben Wirklichkeit wurde

Praktikumsbericht

„Da kannst du mal all dein journalistisches Können vereinigen“, meinte mein Chef als wir das letzte Mal über diesen, meinen Praktikumsbericht sprachen. Na toll, dachte ich. Das Beste zum Schluss – in Form eines persönlichen Statements. Ganz schön schwierig, einen Kommentar zu schreiben, der alles wichtige beinhaltet, den Leser nicht langweilt und möglichst vor Ironie und Sprachwitz sprüht. Da kommt es sehr auf das richtige Thema an. Welches jedoch auserwählen? Die anderen Praktikanten, die Sekretärin oder gar den Chef aufs Korn nehmen? Das wäre amüsant, ist aber zu naheliegend und gemein und kommt daher nicht in Frage – Journalistenehre. Vielmehr will ich meine ersten Schritte in die Welt der Medien resümieren und mal meine Eindrücke verarbeiten.

Um es vorweg zu nehmen und auf den Punkt zu bringen: Während der drei Monate als Praktikantin im Journalistenbüro von Timo Rieg bin ich schonungslos mit dem Produzieren von Meldungen, Magazinen und manchmal auch Motivation konfrontiert worden. Nichts anderes hatte ich mir gewünscht. Nichts anderes wäre besser für mich gewesen, um das „raue Leben“ kennen zu lernen. Wollte ich doch nach der langen Zeit der Schülerzeitungsarbeit, mit der übrigens viele Journalisten ihre „Karriere“ beginnen, endlich was „richtiges“ fernab von Improvisation und Unwissenheit machen. Dabei habe ich erfahren, dass auch die Profis ihren Kaffee selbst und nur mit Wasser kochen. Und Kaffee ist das Lebenselexier eines Journalisten und solchen, die es werden wollen. Anders würde man den Tag nicht überstehen. Einen Tag, der fernab von geregelten Arbeitszeiten ständige Konzentration fordert und erst zu Ende geht, wenn der letzte Artikel (online) steht. Ein unausgesprochener Grundsatz der nicht allen Mitarbeitern heilig ist. So gibt es Ex-Praktikanten, die zu Mitarbeitern (MA) aufgestiegen sind und ein meisterhaftes System der Verdrängung aufgebaut haben, das ihnen ermöglicht, tatsächlich nur stundenweise zu arbeiten. Unerledigtes verschwindet dann schon mal in Schubladen oder wird in Ordnern umher- und aufgeschoben. Doch auch diese Allround-Talente werden ihre Arbeit niemals los. Selbst wenn sie „im Auftrag – für Geld“ schreiben und nicht aus Idealismus, werden die MAs von ihrer Passion bis in ihre wohlorganisierte Freizeit verfolgt.

Da ertappt man sich selbst dabei, wie man neue Bekanntschaften ganz detailliert ausfragt und komisch angesehen wird, weil man alles so genau wissen will. Die Tageszeitung mit den miserabel recherchierten und schlecht formulierten Artikeln verschwindet erst im Müll, wenn sie nach brauchbaren Themen durchforstet wurde. Freunde fragen: „Kannst du nicht mal unserer Kampagne redaktionell unter die Arme greifen, damit uns endlich jemand hört?“

Irgendwann kommt der Punkt an dem du denkst, dass so verrückt die Welt doch nicht sein kann, weil dir klar geworden ist, wer hier mit wem zusammenhängt und welche Ziele verfolgt, die nicht immer die besten sind. Das ist die Stelle, an der Bob Woodward und Carl Bernstein grüßen und du selbst wissen solltest, wo du stehst. Neutraler Beobachter, PR-Futzi oder rasender Reporter, das ist hier die Frage. Nicht immer sind die Grenzen eindeutig geklärt. Das macht die Sache kompliziert. Denn der Spaß am Umgang mit der Sprache nimmt dir weder die Verantwortung noch das Bewusstsein dafür ab. Menschen machen Medien und das Schreiben ist ihr Instrument. Manchmal werden aber auch sie instrumentalisiert: Gerade als „unwissende“ Praktikantin hat man es nicht immer leicht, tatsächliche Fakten von Enten zu unterscheiden. Das Hinterfragen habe ich auf jeden Fall gelernt… .

Festgestellt habe ich dabei, dass die Reaktionen auf eine Presse-Anfrage sehr unterschiedlich ausfallen können. So gibt es sowohl Personen, die keinesfalls zitiert werden wollen, wie auch solche, die sich halb tot freuen, wenn ihre Meinung gefragt ist, oder sich gleich medienwirksam inszenieren. Schade nur, dass ich die meisten meiner Gesprächspartner nie zu Gesicht bekommen werde. Trotzdem ich durch Ausflüge zu lokalen und nationalen Veranstaltungen und Ereignissen die sonst geringen Möglichkeiten zur face-to-face-Kommunikation etwas kompensiert habe, empfinde ich den indirekten Kontakt zu Menschen als Nachteil an der Arbeit für Online-Medien.

Ob ich mit meinem ersten Praktikum das Fundament für meine berufliche Zukunft in der Welt des Journalismus gelegt habe, kann ich derzeit noch nicht sagen. Es stellt sich für mich nun eher die Frage, wie ich mit meinem erworbenen Wissen, sowie der praktischen Erfahrung künftig umgehe. Lehr- und erlebnisreich war die Zeit für mich auf jeden Fall. Das betrifft nicht nur die Debatten über die Wissenschaft des Kaffeekochens, essen im „Vorbeigehen“, Meldungen auf Masse produzieren und über etwas schreiben, ohne einen persönlichen Bezug dazu zu haben.

Nein, ich habe auch fürs Leben gelernt, wie es so schön heißt. Differenzieren, telefonieren, kommunizieren fallen – in Schlagworten – darunter. (Noch) mutiger im Umgang mit Computerkram zu sein, geschah auch ganz nebenbei. Das Schöne war, dass ich alles ausprobieren konnte und zu (fast) nichts gezwungen wurde. Zwar hatte ich Pflichten, wie das Recherchieren und Meldungen schreiben, aber es oblag mir die freie Zeiteinteilung und Wichtung der Aufgaben. Als angenehm empfand ich außerdem, dass eigene Ideen immer willkommen waren und die mir übertragene Verantwortung nicht bis ins letzte ausgereizt wurde, wenn mal was schief ging. Ich hatte letztlich eher das Gefühl eine vollwertige Mitarbeiterin statt Praktikantin zu sein. Wobei das eine das andere ja nicht ausschließt.

(Elli Holzapfel, 2001)

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