Kommentar zu einem Social-Media-Verbot für Jugendliche

Mit einem Schlag war die Forderung omnipräsent: „Social Media muss für Kinder und Jugendliche verboten werden!“ Es gab zuvor keine erschütternden Nachrichten, keine augenöffnende Studie, nicht einmal einen rührseligen Fernsehfilm. Nichts hatte sich verändert – außer dass „Down Under“ seit Dezember 2025 ein Gesetz greift, in dessen Folge fast fünf Millionen Konten auf Facebook und Co geschlossen wurden. Denn Australien hat nun als erstes Land weltweit ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren.

Als das Gesetz vor 15 Monaten verabschiedet wurde, nahm man es in Deutschland eher achselzuckend zur Kenntnis: vielleicht ein bisschen verrückt, aber weit weg.[Audiofassung hier]

Doch jetzt gibt es offenbar kein Halten mehr. Ohne irgendwelche neuen Daten oder Vorkommnisse soll am besten ganz Europa dem australischen Weg folgen. Ein Verbot soll die Jugend aus der Verderbnis retten.

Australiens Premierminister Anthony Albanese empfahl zum Start des Social-Media-Verbots in seinem Land der Jugend als Alternative: Bücher lesen, ein Instrument lernen, Sport  treiben. Australiens Sportministerin warb konkret fürs Skateboard Fahren.

Das klingt gut gemeint, aber genauso hilflos wie die altväterlichen Mahnungen in meiner Jugendzeit: Damals waren es vor allem das Fernsehen und das Walkmanhören, die für eine angeblich zunehmende Verblödung der Jugend verantwortlich gemacht wurden.

Natürlich ist unbestreitbar, dass digitale Medien viele Probleme geschaffen haben:

* Die kognitiven Fähigkeiten gehen gegenüber der letzten analog aufgewachsenen Generation zurück.

* Jeder kann sich und sein Leben mit dem vergleichen, was andere posten. Irgendwer sieht immer besser aus, kann etwas viel toller als man selbst – das kann zu Frust führen.

* Und Smartphones wollen uns keine Pause gönnen. Es soll Menschen geben, die morgens als erste und nachts als letzte Tat des Tages durch ihr Handy scrollen.

In einem Naturschutzprojekt habe ich letztes Jahr mehrfach Kindergruppen aufgefordert, mal für zwei Minuten die Schmetterlinge an einem Sommerflieder zu beobachten. Zwei Minuten! Und stets fragte nach wenigen Sekunden das erste Kind: „Und was jetzt?“

Diese Welt macht auch mir Sorgen. Aber ein Social-Media-Verbot wird sie nicht besser machen.

Eine gesetzliche Altersschranke erfordert zunächst mal die Identitätsprüfung von jedem Nutzer, also auch von allen Erwachsenen. Soll sie effektiv sein, müsste zudem permanent kontrolliert werden, wer tatsächlich gerade eine Plattform nutzt. Ohne Totalüberwachung kann jedes Verbot irgendwie umgangen werden.

Letztlich müsste man dem gesamten Internet und Mobilfunk den Stecker ziehen, um die Jugend digital zu schützen. Eine dystopische Aussicht.

Und wo bitte ist bei der Verbotsforderung die Gesamtstrategie – sowohl für die Digitalisierung des Landes als auch für die Erziehung von Kindern zu mündigen Bürgern?

Einerseits werden die Klassenzimmer digital aufgerüstet, andererseits sollen alle Instagram-Storys verboten werden?

TikTok ist einem 15-Jährigen heute angeblich nicht zuzumuten, aber schon am nächsten Tag, mit dem 16. Geburtstag, darf er das EU-Parlament oder einen Landtag wählen?

Und nur zwei Jahre später geht’s ab zum Wehrdienst, mit der Waffe in der Hand das Vaterland verteidigen? Da fehlen mir Zwischenschritte.

Warum warten die Verbots-Befürworter nicht wenigstens ab, wie sich die Sache in Australien entwickelt? Wenn körperliche Fitness, mentale Gesundheit und Lebenszufriedenheit bei den australischen Jugendlichen infolge des Verbots tatsächlich zunehmen  –  dann könnte man nochmal reden.

Schon heute dürfen Plattformen laut Gesetz Minderjährigen nicht schaden. Neue Zugangs-Barrieren werden die Plattformen nicht besser machen. Im Gegenteil: Sie können auf Jugendschutz komplett verzichten, wenn es dort eh keine Jugend mehr geben darf.

Vielleicht lesen Jugendliche dann wirklich gedruckte Bücher und fahren Skateboard. Vielleicht erschaffen sie sich aber auch mit KI-Agenten neue Welten, denen mit staatlichen Verboten gar nicht mehr beizukommen ist?

Die Probleme, die die von uns Erwachsenen gerufenen Geister der Digitalisierung in wachsendem Tempo schaffen, werden ganz sicher nicht durch ein Social-Media-Verbot für Jugendliche gelöst.

(Timo Rieg, Deutschlandfunk Kultur, 24. Februar 2026)

 

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