Die deutsche Gesellschaft soll gespalten sein, mal wieder – derzeit wegen Buckelwal Timmy. Spätestens seit Mitte April haben Medien einen tiefen Graben zwischen wissenschaftlichen und politischen Eliten auf der einen und zahlreichen fanatisierten Bürgern auf der anderen Seite ausgemacht: Fakten versus Emotionen.
Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen „wie in der Corona-Zeit“ wird attestiert.
Ein Spiegel-Redakteur fordert daher eine Rettungsaktion für die kollektive mentale Gesundheit, weil in Deutschland „offenbar keiner mehr dem anderen traut“.
Echt jetzt? Schauen wir mal nüchtern, wie gespalten oder krank sich unsere Gesellschaft bei Timmy zeigt.
Ja, die Bevölkerung war sich uneins, was mit dem gestrandeten Tier zu tun sei. 45 Prozent wollten weitere Rettungsversuche, 37 Prozent waren dagegen. Fünf Prozent forderten eine gezielte Tötung des Wals, der Rest war unentschlossen. Das ergab eine Umfrage für die Bild-Zeitung am 24. April mit 1005 Teilnehmern.
Aber was ist daran problematisch? Eine Gesellschaft ohne Meinungsverschiedenheiten wäre keine demokratische Öffentlichkeit mehr.
Dennoch: Eine interessante Konstellation war es schon, mit den „Amateuren“, den vermeintlich emotionsgetriebenen Bürgern, den sozialen Medien auf der einen Seite und den meisten traditionellen Medien, Umweltschützern und den „Experten“ auf der anderen. Wobei unklar bleibt, wer warum zu den Experten gehört – und wer nicht.
Dass diese von den Medien zitierten, überschaubar wenigen Experten die gesamte fachliche Expertise widerspiegeln, die es zum Thema gibt, ist unwahrscheinlich.
Nicht jeder Gedanke, der publizierten Expertenmeinungen widerspricht, ist automatisch Unsinn, Esoterik oder sonst Übles.
Und immerhin in zwei Punkten lagen die Experten bei Timmy falsch: Er ist nicht alsbald verstorben, sondern hat noch mindestens einen Monat gelebt.
Und der Transport des Wals war entgegen dem Wissen aller Experten rein technisch eben doch möglich, wie jeder live verfolgen konnte.
Unzutreffend war auch der Vorwurf, Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus habe sich „dem Druck der Öffentlichkeit gebeugt“, als er die private Rettungsinitiative zuließ, anstatt den Wal „in Ruhe sterben zu lassen“, wie er es zuvor angekündigt hatte.
Mit Backhaus‘ Vorgehen sollten die meisten eigentlich gut leben können: Staatlicherseits wurde nichts mehr unternommen, weil die Erfolgsaussichten als zu schlecht galten, aber eine privat finanzierte Initiative durfte ihr Glück versuchen.
Doch es ging in der öffentlichen Auseinandersetzung vielfach nicht um einen einzelnen Wal – es ging ums grundsätzliche Rechthaben, wie so oft in verbissenen Diskussionen.
Da man mit einer Meinung weder Recht noch Unrecht haben kann, weil Meinungen eben höchstpersönliche Wertungen sind, gab es einen Kampf um Richtig und Falsch, um die Deutungshoheit. Wer eine Deutung, die Interpretation von Tatsachen, für sich entscheidet, der muss Recht haben.
So gesellte sich zu allerhand Interpretationen von Timmys Gesundheitszustand – einige davon per Ferndiagnose erstellt – und zum Streit um das technisch Machbare eine Auseinandersetzung um das große Ganze:
* 300.000 Wale verenden jedes Jahr in Fischereinetzen – dies endlich zu beenden sei viel wichtiger, als einem einzelnen Tier zu helfen, so eine oft zu vernehmende Position.
* Das Leid der Nutztiere interessiere die Öffentlichkeit im Vergleich zu Timmys Schicksal beschämend wenig.
* Auch Verweise auf im Mittelmeer ertrinkende Flüchtlinge gab es.
* Und wer noch Fischbrötchen esse, solle zum Wal ohnehin schweigen.
All solche Einwürfe sind berechtigt, müssen diskutiert werden. Aber man kann Ähnliches zu fast allem vorbringen:
Einem Eichhörnchen, das sich in einem Gullydeckel verklemmt hat, kommt die Feuerwehr zu Hilfe – während ein Stockwerk tiefer in der Kanalisation in städtischem Auftrag die Ratten vergiftet werden.
Wir leisten uns Theater in jeder größeren Stadt und Blumenrabatten in jedem Dorf, derweil Menschen Pfandflaschen sammeln, um über die Runden zu kommen.
Der eine spendet für den örtlichen Tierschutzverein, der andere für die Welthungerhilfe, und ein dritter spendet, obwohl er es könnte, gar nichts.
Empathie ist nicht rational. Wer sich von etwas anrühren lässt, ist darüber keine Rechenschaft schuldig.
Empathie ist aber auch keine Gefühlsduselei. Unsere Zivilgesellschaft funktioniert überhaupt nur, weil Menschen sich für ganz Unterschiedliches engagieren können, – ohne Mehrheitsbeschluss, ohne Prioritätsprüfung durch Experten.
Timmys Schicksal musste niemanden berühren, aber es hat viele berührte. Hunderte wollten ihm tatkräftig helfen, sind dafür zum Teil von weit her angereist.
Dass einige Wissenschaftler den Wal direkt nach seiner Freilassung für „höchstwahrscheinlich tot“ erklärten, war ein letztes Aufbäumen der Rationalität gegen Emotionalität, ein letztes Rechthabenwollen mit der Botschaft: alles Bemühen war Unsinn.
Tatsächlich aber hat in dieser Geschichte Mitgefühl Menschen aus verschiedensten sozialen Schichten zusammengebracht und sie erleben lassen: Wir können etwas bewegen.
(Timo Rieg, Deutschlandfunk Kultur: Zeitfragen, 11. Mai 2026)