Lobgesang auf den Hund

Hunde sind Umweltsäue. Diese Behauptung wird immer salonfähiger. Kürzlich stieß ich in einer Zeitung wieder auf eine Polemik, aus der regelrechter Hundehass troff.

Hunde seien durch ihr fleischhaltiges Futter wahre CO2-Schleudern, ihre Fäkalien brächten zu viel Stickstoff und Phosphor in die Natur. Außerdem seien Hunde dumme Kampfmaschinen, ihre Züchtung sei von Machtfantasien und Rassismus getrieben.

Wer des Menschen besten Gefährten als grundsätzliches Problem sieht, hatte wohl eine traurige Kindheit – nämlich eine ohne Hunde. In meinen ältesten Erinnerungen sehe ich vor allem unseren Deutsch Kurzhaar, der, wenn abends die Eltern aus dem Haus gingen, sofort in mein Bett kam und es sich unter der Decke bei mir gemütlich machte. Da mein Vater dies gar nicht dulden wollte, schlich er sich zurück auf seinen Hundeplatz, sobald er Stunden später den Türschlüssel hörte. Es blieb zeitlebens eines unserer Geheimnisse.

Natürlich verbrauchen Hunde Ressourcen, sie koten und urinieren. Selbstverständlich gibt es unter ihnen auch aggressive. Alles wie beim Menschen. In jedem Fall aber profitieren beide geradezu symbiotisch vom Zusammenleben, seit Jahrtausenden. Keine andere Tierart hat sich sozial so perfekt auf uns eingestellt wie der Hund – und ebenso umgekehrt: Mühelos kommunizieren Hund und Hundehalter  über die Artgrenze hinweg.

Die Nachfolgerin unseres Deutsch Kurzhaars, ein Rauhaardackel, war meine wichtigste Stütze in der Phase großer Schulprobleme mit permanent schiefhängendem Haussegen. Dazu musste ich sie nicht sinnlos vollquatschen – wer das braucht, schreibt besser Tagebuch.

Aber wie alle meine bisher acht Hunde konnte auch die Dackeldame jederzeit gute Laune auflegen, Späße machen und sich auf meine freudig einlassen. Nicht als Belohnung, sondern als meinen Beitrag zu unserer Komplizenschaft gab es von mir all die ungesunden Leckereien aus Kühlschrank und Vorratskammer, die meine Eltern einem Hund niemals gegeben hätten. Sie wurde 15 Jahre alt.

Es folgten ein Dobermann und fünf Straßenmischungen, bis zu drei gleichzeitig. Jeder dieser Hunde war und ist einzigartig, mit je eigenem Charakter, und jedem habe ich sehr viel zu verdanken.

Ein beliebter Vorwurf an Menschen, die darüber sprechen, was ihr Hund fühlt oder will,  lautet: „Du vermenschlichst das Tier!“ Tatsächlich aber vermenschlichen wir damit nicht den Hund, – sondern wir vertierlichen den Menschen: schließlich ist auch der Homo sapiens ein Tier, entsprechend sind viele unserer Verhaltensweisen keineswegs einzigartig.

Auch unsere Gefühle sind kein evolutionärer Sonderfall. Nur weil Hunde keine Raketen zum Mars schicken, sind sie nicht grundverschieden von uns. Eine jede Spezies hat halt ihre eigenen Kompetenzen entwickelt. Die entscheidende der Hunde ist es, uns Menschen sehr genau zu lesen. So können sie etwa mit den Augen einem Fingerzeig von uns folgen – woran selbst Menschenaffen scheitern. Hunde können hunderte Begriffe der menschlichen Sprache sinnvoll interpretieren, während viele Menschen mangels Übung schon ein Schwanzwedeln nicht richtig deuten.

Und was ist mit der Umweltbelastung durch Hunde? Ich finde, in diesem Vorwurf steckt ein Denkfehler: Denn dabei wird immer davon ausgegangen, wer auf das Haustier verzichte, reduziere seinen Ressourcenverbrauch in absoluten Zahlen. Das dürfte jedoch nur selten zutreffen, da die meisten Menschen ihre Zeit und ihr Geld dann schlicht in andere Aktivitäten stecken Und viele Hobbys und Konsumausgaben belasten das Ökosystem deutlich stärker, als einen Hund zu halten.

Hunde fördern sogar unsere Gesundheit. Wer einen solchen Weggenossen hat, leidet seltener an Einsamkeit, stärkt seine Immunabwehr und das Herz-Kreislauf-System. Vor allem Singles und Senioren profitieren davon. Studien zeigen, dass Hundehalter seltener depressiv sind und länger leben.

Die Freude eines Hundes, wenn man nach Hause kommt, und seine Begeisterung, gemeinsam etwas zu unternehmen, sind für mich genauso unbezahlbar wie seine Kaugeräusche beim Essen und sein zufriedenes Schnarchen und Träumen danach.

(Timo Rieg, Deutschlandfunk Kultur)

 

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